Chronik

1924–1999

Musikverein Brass Band Henggart 1924–1999

Wer glaubt, mit 75 Jahren gehöre man zum alten Eisen, kann sich ganz bös täuschen, ganz bestimmt beim MV Brass Band Henggart. Das Alter ist hier höchstens die Wurzel des Lebenselixiers, das dem Verein die Kraft für seine Jugendlichkeit und seinen Charme gibt. Um mit 75 Jahren immer noch frisch und dynamisch durch das Weinland und die Konzertsäle zu rauschen, braucht der Verein weder Stöcke noch ein Facelifting, sondern nur die Freude der Mitglieder gemeinsam zu musizieren. Wie sich das Geburtstagskind nach einigen Geburtswehen zu einem ganz passablen Verein mauserte, können Sie in den nächsten Zeilen nachlesen. Viel Vergnügen!

 

Die Gründer- und Krisenjahre (1924–1947) oder als Musik nur Nebensache war

Musikalisch zu brillieren stand kaum im Vordergrund, als der Musikverein Henggart am 15. Januar 1924 von sieben Unentwegten gegründet wurde. Neben dem «vernachlässigbaren» Umstand, dass keiner der sieben bis anhin ein Blasinstrument in den Fingern hatte, galt es zuerst einmal finanzielle Engpässe zu lösen, um die benötigten Instrumente und Noten zu beschaffen. Zum Glück stellte sich der aktive Militärtrompeter Adolf Studer unentgeltlich als erster Dirigent zur Verfügung. Als Probelokal musste provisorisch eine private Stube herhalten. Um wenigstens einen Teil der Unkosten abdecken zu können, wurde ein Mitgliederbeitrag von Fr. 2.– (pro Monat!) festgelegt. Da der Verein durch diverse Wechsel und Querelen bereits drei Monate nach seiner Gründung gefährdet war, wurde in provisorischen Vereinsstatuten ein Austrittsgeld zwischen Fr. 10.– und Fr. 25.– festgelegt, um allzu Austrittswillige zu «zähmen». Obwohl immer noch lieber ein Glas Wein als das Instrument zu den Lippen geführt wurde, gelang es dem nimmermüden Dirigenten Adolf Studer am 29. Mai 1924 seine Mannen zum ersten Frühkonzert zu bewegen. Zur Belohnung winkten für die Premiere zwei Flaschen Malaga der beiden Dorfwirte. Nachdem der Verein im Jahr der Gründung beinahe (mehrmals) Schiffbruch erlitten hatte, konnte dank mehrerer Auftritte 1925 beim Posthalter ein erstes Darlehen von Fr. 500.– für den Kauf von Instrumenten aufgenommen werden. 1926 erfolgte sogar ein erstes Engagement bei einem Varieté-Theater und eine gemeinsame Schiffsreise mit dem Männerchor auf dem Rhein. An der Generalversammlung vom 5. Mai 1927 zählte der Verein 11 Aktiv- und 40 Passivmitglieder und war wieder einmal mitten in einer Krise. Denn je mehr die Vereinsanlässe zunahmen, desto schlechter wurde der Probenbesuch. Üben zuhause war sowieso ein Fremdwort, kaum ein Auftritt erfolgte ohne kleinere oder gar grössere Pannen. Der Rücktritt des Dirigenten konnte nur knapp verhindert werden. Mit der erfolgreichen Organisation eines Gartenfestes und einer Unterhaltung mit dem Männerchor im Rücken, wagte sich der Musikverein am 3. Juni 1928 zum ersten Mal an einen richtigen Musiktag in Rafz. Das Dabeisein alleine war schon eine «Glanzleistung» und bei weitem keine Selbstverständlichkeit, denn zum Glück merkte der Dirigent Stunden vor dem Anlass, dass der Aktuar die Anmeldung vergessen hatte. Durch weitere schwache Darbietungen im musikalischen Bereich – sei es durch fehlende Motivation («wobei einige nicht blasen konnten und die anderen nicht blasen wollten») oder wegen «widertaktigem Zeug» – erklärten der Dirigent und Präsident 1929 gleichzeitig ihren Rücktritt. Nachfolgend konnte Jakob Hauser zum Preis von Fr. 300.– pro Jahr verpflichtet werden, das trudelnde Vereinsschiff zu übernehmen, obwohl es dem Verein weiterhin am Nötigsten fehlte: Geld und Musikanten. Trotz einer ersten Gemeindesubvention von Fr. 150.– und dem ersten Musikfest in Henggart hielt sich der Verein nur bis 1934 über Wasser. Aus Mangel an Aktiven wurden Anlässe und Proben bis 1938 eingestellt. Eine Delegation wirkte trotzdem Ende 1934 an der Gründungsversammlung der Musikvereinigung Zürcher Weinland in Andelfingen mit.

Eine Vereinigung mit dem «Erzrivalen» Hettlingen wurde in dieser Zeit aus Lokalpatriotismus abgelehnt. 1938 gelang es dem initiativen Präsidenten Gustav Frauenfelder Jungbläser «aufzutreiben», womit am 10. März der Probenbetrieb wieder aufgenommen werden konnte. Nach der erstmaligen Teilnahme des Vereins am Weinländer Musiktag setzte der Beginn des Zweiten Weltkrieges dem aufstrebenden Vereinsleben ein jähes Ende.

Von einigen Ausnahmen abgesehen, konnte das Vereinsleben bis 1945 nur sporadisch aufrecht erhalten werden und es war dem unermüdlichen Einsatz des Aktuars Fritz Walter zu verdanken, dass der Verein diese schwere Zeit überstehen konnte. 1944 wurde der Dirigent an einer Vereinsversammlung abberufen und durch Otto Meier ersetzt, der aber bereits ein Jahr später das Handtuch warf. Mit einem neuen Dirigenten, Heinrich Peter, traten die Henggarter 1946 beim ersten Musiktag nach dem Krieg auf, ohne sich dabei mit Ruhm zu bekleckern. Man konnte es wenden und drehen wie man wollte: Die Henggarter Dorfmusik war und blieb der unbedeutendste Verein im Zürcher Weinland. Man trieb lustlos und «halbnackt» dahin: ohne musikalische Ziele, ohne Fahne, ohne Uniform und mit ausgeleierten Occasionsinstrumenten. Trotz schleichender Vereinsmüdigkeit waren aber die Mitglieder nicht bereit, ihren Verein aufzugeben. Die Krisenjahre hatten trotz allem einen wichtigen Pfeiler eines Vereins aufgebaut: die Kameradschaft.

Die Aufbauarbeit (1947–1974) oder das Erwachen des grauen Entleins

Am 26. Juni 1947 erlebte der Musikverein einen ersten Höhepunkt als er für Fr. 1500.– die alten Uniformen der Stadtmusik Winterthur übernehmen konnte. Mit der erstmaligen Durchführung des Weinländer Musiktages 1948 in Henggart – Verschiebung des Anlasses um eine Woche wegen Regens inbegriffen – und der ersten Musikreise 1949 steuerten die Henggarter auf ihr 25-jähriges Jubiläum zu, das am 17. Dezember 1949 in Form einer Abendunterhaltung gefeiert werden konnte. Trotz erneuter Vereinskrise wegen miserablen Probenbesuchs konnte 1951 erstaunlicherweise der angesehene Dirigent des Stadtposaunenchors Winterthur, Hans Schmid, verpflichtet werden. Anfangs machten die Henggarter aber immer noch mehr Schlagzeilen mit ihren «berüchtigten» nächtlichen Ausflügen und der Theatergruppe, welche unter den jungen Musikanten eine gute Kameradschaft heranbildete. Um endlich die musikalische Leistung anzuheben, begann Hans Schmid mit unermüdlichen und meist unentgeltlichem Einsatz das erste Hauptproblem des Vereins anzugehen: die musikalische Ausbildung der jungen Musikanten. 1952 trat man dem Zürcher Kantonalen Musikverband bei, obwohl die Kosten für die Mitgliederbeiträge wegen permanenter Finanznöte bisher gescheut wurden. Für die Lösung des zweiten Hauptproblems des Vereins, die Finanzen, wurde 1955 zum ersten Mal ein Herbstfest in Henggart organisiert.

Immer wieder brachten Meinungsverschiedenheiten unter den Mitgliedern errungene Erfolge in Gefahr, welche durch Vorstand und Dirigent mit viel Gespür gelöst werden mussten. Doch entgegen allen Schwierigkeiten ging es stetig vorwärts. Nach dem zweiten Weinländer Musiktag in Henggart 1957 galt es die abgeschabten Occasionsuniformen zu ersetzen, bevor sie sich von selber in nichts auflösten. Die nötigen Fr. 9000.– wurden durch Haussammlungen aufgebracht, so dass am 11./12. Juni 1960 nach 36 Jahren die erste Neuuniformierung gefeiert werden konnte. Den Schwung der neuen Uniformen wollte man auch gleich für eine Neuinstrumentierung nützen, wozu aber die nötigen Mittel fehlten. Mit einem Beitrag der Gemeinde Henggart von Fr. 4000.– konnte dieses Ansinnen wenigstens stufenweise begonnen werden, zog sich aber bis 1973 hin. 1963 überschritt die Aktivmitgliederzahl erstmals die magische Grenze von 20 Musikanten. Im gleichen Jahr gab leider der allseits beliebte Dirigent Hans Schmid seinen Rücktritt bekannt, sorgte aber gleich selber mit seinem ehemaligen Schüler, Erich Steinmann, für einen Nachfolger, um die kontinuierliche Aufbauarbeit nicht zu gefährden. Mit dem dritten Weinländer Musiktag in Henggart konnte am 7. Juni 1968 endlich die erste Fahne des Vereins eingeweiht werden. Im darauffolgenden Jahr glänzten die Henggarter sogar «international», konnten sie doch im Schwarzwälder Dorf Oberwolfach mit einem «Schweizer Heimatabend» Furore machen, auch wenn sich Heimatkundige bei einigen «folkloristischen» Darbietungen im Grab umgedreht hätten.

Im Juli 1971 kam es im Rahmen einer «Henggarter Blasmusik-Show» zum Gegenbesuch der Oberwolfacher Blaskapelle, in der die Henggarter erstmals mit einer eigenen Show-Nummer auftraten. Die unermüdliche Schulungsarbeit begann langsam Früchte zu tragen, fanden doch die Frühjahrskonzerte und diversen Ständchen immer mehr Anklang. Im gleichen Jahr wurde Richard Winkler zum neuen Präsidenten gewählt, was die Entwicklung des Vereins in den nächsten 28 Jahren entscheidend beeinflussen sollte. 1973 merkten auch noch die Henggarter Musikanten, dass weiblicher Charme ganz gut ins Bild eines Musikvereins passen könnte. Endlich komplett ausgerüstet mit neuen Instrumenten, einer Vereinsfahne, anständigen Uniformen und holder Weiblichkeit, wagte sich der Dorfverein 1974 an sein erstes Kantonales in Adliswil. Und siehe da, die Henggarter eroberten den sensationellen 2. Rang in der 3. Stärkeklasse. Aufbauend auf diesem Resultat liess sich das 50-Jahr-Jubiläum noch ausgelassener feiern, war doch der Grundstein für den musikalischen Aufstieg jetzt definitiv gelegt.

Die goldenen Jahre (1974–1998) oder die Mutation zur Brass Band

Beine machten den Henggartern ab 1975 auch jährliche Velotouren und Bergwanderungen mit Familie. Zum Glück betrafen eingefangene Blessuren nie musikalisch relevante Körperteile. Diese sportlichen Aktivitäten verliehen aber noch nicht allen gleichermassen Flügel, verhinderten alteingesessene Mitglieder 1975 noch knapp die erstmalige Teilnahme an einem Eidgenössischen Musikfest. Trotz erfolgreichem Herbstfest, neuen Statuten, der Einführung von Winterkonzerten und einer Wanderung in die würzige Bergluft des Kronbergs, herrschte 1977 langsam dicke Luft zwischen einigen Mitgliedern und dem Dirigenten, denn waren doch vielen die Stückauswahl und Probengestaltung zu monoton. Die Musikreise ins Berner Seeland konnte diese Wogen auch nicht mehr glätten, so dass 1978 mit einigen Turbulenzen ein Direktionswechsel zum brassband-versierten Hans Lenzin erfolgte. Er zeigte sich rasch unbefriedigt von den Möglichkeiten der Mixed Fanfare, obwohl 1979 am Kantonalen in Kloten sogar der 1. Rang in der dritten Klasse resultierte. Als sich dann auch immer mehr Aktive für die Brass Band Bewegung begeisterten – sei es durch den Besuch von Konzerten oder die Bildung von Brass-Quartetts – wurde vier Monate vor der ersten Teilnahme an einem Eidgenössischen Musikfest (1981 in Lausanne) kurzfristig auf Brass Band umgestellt. Der «Mutierte» überstand diese Radikalkur (entgegen allen Unkenrufen) bestens, konnte er sich als MV Brass Band Henggart auf Anhieb im ersten Drittel klassieren, ja erreichte im Aufgabenstück der 3. Klasse sogar die höchste Punktzahl. Nicht nur in musikalischen Belangen verstanden es die Henggarter ihren Mann zu stehen, sondern u. a. auch beim Fasnachtsumzug in Oberschaan, wo sie den Einheimischen in Sachen Trinkfestigkeit die Stange hielten (oder wenigstens versuchten sich an einer festzuhalten). Weit gediegener – aber nicht weniger feuchtfröhlich – ging es 1982 auf der Musikreise ins Elsass zu, als man sich in Sachen Rebsorten weiterbildete.

Um die Wettbewerbserfahrung zu verdichten, hatte der MV Henggart durchgesetzt, mit dem Weinländer Musiktag 1980 in Henggart an den Kreistagen des Weinlandverbandes alle Jahre eine offene Bewertung durchzuführen. Mit der höchsten Punktzahl am regionalen Weinländer 1983 mit einem 1. Klasse-Stück wuchs das Selbstvertrauen der Henggarter, den Weg auf nationaler Ebene in die 2. Klasse einzuschlagen. Organisatorische und finanzielle Voraussetzungen dazu wurden mit dem Beitritt zum Schweizerischen Brass Band Verband, der Einführung von Aktivmitgliederbeiträgen und einer Finanzspritze der Gemeinde von Fr. 30 000.– für neue Instrumente gelegt. Ermutigt durch weitere Erfolge, beschloss der Verein 1984 den Aufstieg in die 2. Klasse zu vollziehen und eine erste Teilnahme am Schweizerischen Brass Band Wettbewerb in Bern zu wagen. Hier war man schon eher auf einen Auftritt in «Pleiten, Pech und Pannen» als auf ein Freudenfest gefasst. Bereits der Sieg auf Anhieb in der 2. Klasse am Kantonalen in Dietikon übertraf die Erwartungen bei weitem, wollte der Dirigent doch eigentlich die Anmeldung wegen Besetzungsproblemen zurückziehen (was beweist, dass auch Dirigenten nur Menschen sind, die sich ab und zu irren). Als dann der Dorfverein auch noch das Stahlbad im Kursaal von Bern mit dem 2. Rang überstand, kannte die Freude keine Grenzen mehr.

Leider fand die Ära Lenzin 1985 aus gesundheitlichen Gründen ein Ende. Mit der Verpflichtung des jungen H.P. Adank gelang es, eine gute Basis für einen weiteren kontinuierlichen Aufbau zu legen. Nichts konnte den unternehmungsfreudigen Verein davon abhalten, sich der Jury des Eidgenössischen Musikfestes in Winterthur (1986) zu stellen, nicht einmal die Tatsache, dass der junge Dirigent bis jetzt noch keinen anderen «zivilen» Verein geführt hatte. Doch der 6. Rang in der zweiten Klasse und die weiteren Erfolge an den Schweizerischen Brass Band Wettbewerben (4. Rang 1987, 2. Rang 1988) zeigten, dass der Verein aufs richtige «Pferd», sorry, Dirigenten gesetzt hatte. 1989 sollte zum erfolgreichsten, aber auch turbulentesten Jahr in der Vereinsgeschichte werden. Da der abgeschabte Stoff der 30-jährigen Uniform schon mehr glänzte als die Instrumente, verpasste sich der Verein im Mai ein neues Outfit, sprich Brass-Band-Uniform ohne Hut. Der Verlust des alten Musikerhutes zeigte zum Glück keine negativen Auswirkungen auf den Kopf, konnte doch die neue Uniform gleich mit dem 1. Rang am Kantonalen in Pfäffikon und dem Sieg am Schweizerischen Brass Band Wettbewerb in Montreux (2. Klasse) eingeweiht werden. Krönender Abschluss des Jahres bildete die Radioaufnahme im Radiostudio Zürich. Einziger Wermutstropfen war 1989 die Kündigung des Dirigenten H.P. Adank eine Woche vor Montreux.

Mit der Verpflichtung von Andreas Buri gelang es, einen jungen, dynamischen und brassband-versierten Dirigenten zu engagieren, der auch für die Zukunft eine weitere Steigerung erhoffen liess. Die Nagelprobe bestand er schnell, gelang es ihm doch auf Anhieb, den Verein erfolgreich durch drei Konzerte zu führen und am Schweizerischen Brass Band Wettbewerb ein weiteres Spitzenresultat (4. Rang) zu erzielen. 1991 legte er im Juni mit dem 2. Rang am Eidg. Musikfest in Lugano einen weiteren Meilenstein in der Vereinsgeschichte. Gefeiert werden durfte im gleichen Jahr auch das einmalige 20-Jahr-Jubiläum des Präsidenten Richard Winkler und ein Jahr später bei schönstem Wetter der vierte Weinländer Musiktag in Henggart. Einzig die Ablehnung der Mehrzweckhalle durch die Gemeindeversammlung trübte die Stimmung im Verein. Ungetrübt sehen lassen konnten sich aber auch die Resultate von 1992 mit dem 3. Rang am U-Brass in Menznau (Unterhaltungswettbewerb) und einem weiteren 2. Rang am Schweizerischen Brass Band Wettbewerb. Unterbrochen wurde der Aufwärtstrend nur 1993 als der MV Brass Band Henggart mit dem 12. Rang in Montreux erstmals einen Rückschlag einstecken musste, obwohl erst kurz zuvor bei der Swiss Parade von Radio DRS ein grosser Publikumserfolg erzielt werden konnte. Die Scharte wurde aber postwendend 1994 und 1995 mit einem 4. Rang bzw. 3. Rang ausgemerzt. Um die Jungbläser noch besser zu motivieren, wurde für sie ab 1993 ein jährliches Vortragskonzert eingeführt. Trotz dichtem Terminkalender – 1993 bedeutete Rekordjahr mit 102 Anlässen und Proben – kam die Reiselust der Henggarter mit zwei Musikreisen ins Heimatland des Dirigenten (Emmental 1993) und ins Südtirol (1994) nicht zu kurz. Der Besuch der Wingates Brass Band aus England verlangte dem Verein einiges an Sprachkenntnissen, aber auch an Standfestigkeit bezüglich «Hopfentee» ab. Ein Kontrast zu dieser feuchtfröhlichen Völkerverständigung setzte anfangs 1995 die Überarbeitung der «trockenen» Statuten. 1995 gelang das Kunststück, am Zürcher Kantonalmusikfest in Oerlikon – erstmals in der 1. Klasse antretend – den glanzvollen 2. Rang zu erreichen, wobei in der Marschmusik sogar alle teilnehmenden Bands geschlagen wurden (und das mit nur einer Marschmusikprobe!). 1996 konnte zwar nicht ganz an die Exploits von 1995 anknüpfen, aber es gelangen beim erstmaligen Auftritt in der 1. Klasse am Eidgenössischen mit dem 11. Gesamtrang (Aufgabenstück sogar der 3. Rang!) und dem 5. Rang in Montreux ansprechende Resultate. Der «Big Bang» sollte aber bereits wieder 1997 folgen, als zum zweiten Mal der Schweizermeistertitel am Schweizerischen Brass Band Wettbewerb in Montreux (2. Klasse) «abgeräumt» werden konnte. Diese Erfolge durften bereits unter einer neuen Vereinsfahne gefeiert werden, welche von den Ehrenmitgliedern und Veteranen des MV Brass Band Henggart gesponsort und am 11. Mai 1996 feierlich eingeweiht wurde. Mit diesen Ereignissen im Rücken liessen sich auf Wanderungen – wie 1997 ins Alpsteingebirge – und auf den jährlichen Velotouren auch giftige Steigungen locker nehmen (meistens jedenfalls). Eine positive Überraschung der besonderen Art bescherte die Gemeinde Henggart auf Weihnachten 1997 als das Projekt einer Mehrzweckhalle wieder aufgenommen und durch die Gemeindeversammlung angenommen wurde. Beflügelt durch die Aussicht noch in diesem Jahrtausend wieder im eigenen Dorf Konzerte geben zu können, gelang dem MV Brass Band Henggart 1998 in Montreux mit dem 2. Rang beinahe die erfolgreiche Titelverteidigung.

An seinem 75-jährigen Geburtstag kann der MV Brass Band Henggart ohne falsche Bescheidenheit ganz zufrieden auf das Erreichte zurückblicken und mit Stolz sein Jubiläum gebührend feiern, im Bewusstsein, dass vergangene Erfolge in Zukunft nur schöne Erinnerungen sind und ein erfolgreiches Vereinsleben immer wieder hart zu erarbeiten ist. Die Grundlagen für eine Fortsetzung der Erfolgstory sind ausgezeichnet, führt doch eine junge dynamische Führungscrew unter Leitung von Andreas Christinger, der 1999 die Präsidentschaft vom «legendären» Richard Winkler (28 Jahre Präsident!) übernommen hat, ins nächste Jahrtausend. Ein «Millenium-Problem» sollte sich dem MV Brass Band also nicht stellen, findet doch Blasmusik immer noch ohne Einsatz von Computerchips statt. Musikalisch abgerundet werden die 75-Jahre des Vereins mit einer CD-Produktion, welche dieses Jubiläum festlich umrahmen, aber auch den Startschuss für das nächste Jahrtausend signalisieren soll.

Es wird dem MV Brass Band Henggart auch in Zukunft ein Anliegen sein, die Brass Band Bewegung zu unterstützen und deren Popularität zu steigern, auch wenn der Boden in unserer Gegend für den Weinbau fruchtbarer zu sein scheint als für Musikvereine und speziell für Brass Bands.

Ziel wird es immer sein, sich so oft wie möglich Wettbewerben zu stellen und das musikalische Niveau weiter zu verbessern, um ab und zu der 1. Klasse einen «Besuch abzustatten». Wir werden unser Bestes geben, damit Sie auch im neuen Jahrtausend und an der 100-Jahr-Feier Ihre Freude an unserem Verein haben werden. Trotz allem soll aber die Verbundenheit mit Henggart und der Charakter eines – wenn auch leistungsfreudigen und unternehmungslustigen – Dorfvereines beibehalten werden. Dies schliesst eine gute Kameradschaft ebenso ein wie gemeinsame Ausflüge und ein Gläschen Wein nach der Probe.

Schliesslich liegt Henggart im Zürcher Weinland. Und das ist schon Grund genug zu feiern.

Christian Frauenfelder